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Vom Kriegskind zum Glückspilz

 

Ein Kriegskind

Geboren im Krieg, erinnert er sich noch daran, wie die Rote Armee Berlin einnahm und er als kleiner, dünner Junge mit einem Topf hungrig vor ihrer Suppenküche stand. Sie füllten ihm diesen Topf. Er erzählt aber auch davon, dass Russen kamen, und sagten:“Du Frau mitkommen“. Was das bedeutete, wusste er damals nicht.
Seine Familie hatte Glück. Bei ihnen – der Mutter und den alten Großeltern – wurde ein Offizier einquartiert, der sie vor Übergriffen bewahrte.
Der Vater war in sowjetischer Gefangenschaft. Der Junge sehnte sich nach ihm, nach dem Helden.
Als der Vater endlich nach Hause kam, war er zehn. Aber es kam kein Held. Am Tisch saß nun ein unbekannter Mann, der viel erlebt hatte und wenig erzählte, dem die Mutter – glücklich darüber, ihn nicht verloren zu haben – mit Liebe überhäufte. Er glaubte, dass sie ihm diese Liebe entzog, um sie dem Vater zu geben.
Er wurde nicht warm mit diesem fremden Mann, der sich in sein Leben drängte, der Erwartungen hatte, die er nicht erfüllen konnte oder wollte. Vor allem „hart“ sollte er sein, sich nichts gefallen lassen.
Erst als er ein gutes Abitur machte und zu studieren begann, zollte ihm der Vater eine gewisse Anerkennung. Unterstützt hatte er ihn nie.
Alle seine Kenntnisse hatte er in Bibliotheken und in der Schule erworben. Er dürstete nach Wissen. Es war sein Lebenselixier.

Ein Glückspilz

Er studierte Agrarwissenschaft, er brauchte etwas mit Bodenhaftung. Nach dem Studium erhielt er das Angebot, an der Uni zu bleiben, als Assistent. Aber auch eine LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft in der DDR) bot ihm eine Perspektive. Er war hin- und hergerissen, einerseits reizten ihn die Praxis und die Möglichkeit, zu gestalten. Andererseits hatte er die Erfahrung gemacht, dass er gut mit Studenten konnte, und ihm die Wissensvermittlung lag. Er blieb an der Uni, auch weil er inzwischen Familie hatte.
Die Arbeit mit den Studenten machte ihm Spaß. Er fuhr mit ihnen zu Ernteeinsätzen, war beliebt. Das war die eine Seite.
Die andere war weniger erfreulich. Er war kein Parteimitglied und vertrat den Standpunkt, dass er vor allem Fachwissen zu vermitteln habe, keine Ideologie. Das biss sich mit der Vorgabe, die Studenten zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu formen.
„Hätte ich Formen wollen, wäre ich Töpfer geworden“, sagte er manchmal salopp. Derartige Bemerkungen hätten auch ins Auge gehen können.
Nach der Wende konnte er als einer der wenigen weiterhin bis zum Renteneintritt lehren.
Text: ULI BECK & TEAM
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