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Die Geschichte der Memoiren und Biographien

 
Biographien und Memoiren füllen die Regale moderner Buchhandlungen, doch sie sind keine neue Erfindung. Bereits seit vielen Jahrhunderten gibt es diese beiden eng verwandten literarischen Gattungen. Biographien zeichnen sich dadurch aus, dass sie – oft nach deren Tod – das Leben eines Menschen in seiner Gänze beschreiben. Meistens sind es in der Öffentlichkeit stehende Personen, deren Wirken durch die Niederschrift ihrer Lebensgeschichte geehrt wird. Ein Sonderfall ist hierbei die Autobiographie, die im Normalfall noch zu Lebzeiten der zu portraitierenden Person entsteht. Letztere verfasst die eigene Biographie entweder selbst oder mithilfe eines sogenannten Ghostwriters. Dies ist ein Auftragsautor, der den Schreibprozess eines anderen entweder komplett übernimmt oder unterstützt. Zeitgeschichtliche Ereignisse können in einem biographischen Text eine große Rolle spielen, müssen aber nicht.
Entstanden ist die Biographie, wie wir sie heute kennen, schon im 4. Jahrhundert vor Christus im antiken Griechenland. Zu dieser Zeit fanden im Land große, gesellschaftliche Umbrüche statt. Die bisher existierenden, demokratischen Stadtstaaten wichen nach und nach einem klassischen, monarchischen Herrschaftssystem. Diese Veränderungen lösten bei den Menschen ein verstärktes Interesse für die Leistungen und Erlebnisse von Individuen aus. Der Fokus lag nun nicht mehr auf den Errungenschaften von Gemeinschaften oder Gruppen, wie es vorher der Fall gewesen war.
Besonders die Lebensgeschichten bekannter Persönlichkeiten faszinierten die Bevölkerung, weshalb zu dieser Zeit zahlreiche „Viten“ genannte Lebensberichte über Feldherren und Könige, aber auch Philosophen und Dichter geschrieben wurden, beispielsweise von Platon. Der griechische Gelehrte Plutarch, der im 1. Jahrhundert nach Christus lebte, verfasste die Biographien zahlreicher berühmter Griechen und Römer. Seine Kaiserviten, unter anderem über das Leben des Tiberius und des Nero, sind heute zumindest teilweise noch erhalten. Im Antiken Rom war vor allem Cornelius Nepos als Geschichtsschreiber und Biograph herausragend. Seine Werke werden heute noch häufig im Schulunterricht gelesen, da sie sich durch einen sachlich-schlichten Stil auszeichnen.
Im Mittelalter schwand das starke Interesse an biographischen Inhalten drastisch. Auch das Gedankengut und Wissen der Antike verlor an Wichtigkeit. Da viele Menschen in Europa zu dieser Zeit sehr gläubig waren, lag die Aufmerksamkeit vor allem auf Heiligenlegenden. Die Lebensgeschichten von Märtyrern und christlichen Heiligen wurden religiös verklärt dargestellt und ausgeschmückt. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildete die Vita Caroli Magni, die Biographie Karls des Großen, die zu jener Zeit entstand. Sie entstammt der Feder Einhards, eines ostfränkischen Gelehrten, der selbst im Dienste Karls des Großen stand und ihn gut kannte. Ziel des Textes war es, das ruhmreiche Leben des Frankenkönigs darzustellen, ohne dass hierbei eine geistlich-religiöse Absicht bestanden hätte, was in dieser Epoche ein Novum darstellte.
Erst die Renaissance, die in Italien ihren Anfang nahm, schaffte es, das im Mittelalter fast vergessene biographische Genre wieder zu beleben. Zum einen besannen sich die Menschen im 15. und 16 Jahrhundert wieder stärker auf die kulturellen Leistungen der griechischen und römischen Antike, vor allem auch der damaligen Schriften, zum anderen keimte vor allem beim aufsteigenden, städtischen Bürgertum dieser Zeit erneut Interesse am Menschen als Individuum auf. Letztes war die Reaktion auf eine veränderte Selbstwahrnehmung und deutlich gewachsenen Wohlstand. Auch die im Mittelalter herrschende Religiosität trat zugunsten dieses neuen Humanismus in den Hintergrund. Die Folge war eine nicht zu unterschätzende Zunahme an biographischen Texten. Ganz generell verlieh der in der Renaissance erfundene Buchdruck mit beweglichen Lettern der Literatur im Allgemeinen einen unglaublichen Aufschwung, der noch durch die bessere und weiter verbreitete Bildung beflügelt wurde.
Memoiren kamen schließlich im 17. Jahrhundert verstärkt in Mode, obwohl auch sie schon ähnlich lange wie Biographien existierten. Als eines des frühesten Werke können Xenophons „Memorabilien“ betrachtet werden. Sie entstanden im 4. Jahrhundert vor Christus. Auch Caesars Kommentare zu seinen Schriften über den „Gallischen Krieg“ können als eine Art persönlicher Erinnerungen aufgefasst werden. Anders als bei Biographien steht bei dieser literarischen Gattung weniger der persönlicher Werdegang eines Menschen im Vordergrund, als sein berufliches Wirken, das normalerweise für die breite Öffentlichkeit von Interesse ist. Zeitgeschichtliche Ereignisse und Weggefährten werden subjektiv dargestellt und diskutiert. So waren es im 17. Jahrhundert vor allem Angehörige des europäischen Hochadels, die zunehmend kritisch über die gesellschaftlichen Strukturen und Gebräuche ihrer Zeit schreiben. Manche dieser Schriften können gar als Epochenbilder bezeichnet werden. Die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Europa lesen und schreiben konnten, trug einiges zum Erfolg dieser Werke bei.
In England und Frankreich waren ein Jahrhundert später vor allem Biographien beliebt. Der französische Philosoph und Schriftsteller Voltaire glänzte beispielsweise mit seiner 1731 veröffentlichten Lebensgeschichte Karls XII. von Schweden. Er wollte seine Leserschaft nicht nur informieren, sondern beim Lesen auch unterhalten. Dieser Ansatz Voltaires war für die damalige Zeit sehr modern. Die Begeisterung für Geschichtswissenschaften und Historisches erreichte schließlich im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt in Europa. Ein breites Publikum interessierte sich nun für die Lebensgeschichten bekannter Persönlichkeiten. Man legte Wert auf ausgezeichnete Quellenkenntnis und schätzte Texte, welche den Lebensbericht einer Person gekonnt mit dem Zeitgeschehen verknüpften. Vor allem in Deutschland kann man von einer Blütezeit der Memoiren sprechen, die oft in mehreren Bänden veröffentlicht wurden. Ein äußerst erfolgreiches Werk dieser Epoche waren die „Gedanken und Erinnerungen“ des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck. Ähnlich beliebt waren zu dieser Zeit biographische Romane, die aber nur den Anschein historischer Genauigkeit hatten. Häufig trugen sie sich im Rahmen einer populären historischen Kulisse zu und vermischten Fakten und Fiktion.
Zu Beginn des von zwei Weltkriegen erschütterten 20. Jahrhunderts ließ die Begeisterung für biographische Schriften nach, bis sie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wieder zunahm. Seit den 1950ern wurden in Deutschland mehr biographische Texte veröffentlicht als je zuvor. Vor allem historische Genauigkeit und eine gut recherchierte psychologische Darstellung der Portraitierten stehen nun im Fokus. Auffällig ist auch, dass über immer jüngere Menschen Biographien geschrieben werden. So wurde bereits die Lebensgeschichte von Elon Musk, dem Tesla-Gründer, oder von Emmanuel Macron, dem jüngsten französischen Präsidenten, schriftlich festgehalten. Auch Autobiographien sind sehr beliebt. So veröffentlichte 2017 der deutsche Politiker Gregor Gysi seine Autobiographie, ähnlich wie der Sänger Wolf Biermann ein Jahr zuvor. Es sind vor allem Politiker, die selbst ihre Erinnerungen niederschreiben und veröffentlichen und damit teilweise große Publikumserfolge erzielen. Zu nennen sind hier unter anderem Sir Winston Churchill, der 1953 für sein Werk mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, sowie Konrad Adenauer. Als Folge dieser Entwicklung haben auch viele Künstler oder Sportler damit begonnen, ihre Erinnerungen niederzuschreiben, genauso wie weniger bedeutsame Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche.
Gerade in der geschichtlichen und sozialwissenschaftlichen Forschung sind Biographien und persönliche Erinnerungen von großer Bedeutung. Die Texte verraten den Wissenschaftlern viel über den Zeitgeist einer Epoche: politische Ereignisse, alltägliches Leben, soziale Rollen oder auch technische Entwicklungen werden aus erster Hand dargestellt und müssen nicht im Nachhinein mühsam rekonstruiert werden. Rückschlüsse über bestimmte historische Gegebenheiten können einfacher anhand von Textmaterial als anhand von anderen geschichtlichen Forschungsgegenständen (Gebäude, Gegenstände, Kleidung und ähnliches) gezogen werden, da sie auch immer Informationen über die Gefühle und Gedanken der Menschen einer bestimmten Zeit liefern.

 

Text: ULI BECK & TEAM

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